Bild_kopf
Plädoyer für eine Stadt nach menschlichem Maß (von Andreas Jungmann)

Plädoyer für eine Stadt nach menschlichem Maß (von Andreas Jungmann)

Bürgermeister haben bei der Neuausrichtung unserer Verkehrssysteme vermutlich den größten Einfluss. Planungen und Zielsetzungen auf Bundes- oder Landesebene können die Lebensumstände der Bevölkerung niemals so stark beeinflussen, wie es die Kommunalpolitik kann. Entscheidungen für eine stärkere Radverkehrsförderung, Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung, die Einführung eines Parkraummanagements und der Rückbau von Parkplätzen und eine andere Raumordnung beeinflussen die Entscheidungen und Handlungen der Menschen vor Ort. Je nach Größenordnung und Wirkung kann eine Maßnahme auf lokaler Ebene auch Auswirkungen auf nachfolgende Ebenen haben.

 Eine Kommune, die sehr gute Alternativen zum eigenen Pkw bereitstellt und die Pkw-Nutzung obsolet macht, ermöglicht es den Bewohnern, die Abschaffung des eigenen Pkw in Erwägung zu ziehen. Dies hat natürlich auch Folgen für die Verkehrsmittelwahl im Fernverkehr. Eine Verkehrswende muss daher auf kommunaler Ebene eingeleitet werden! (Martin Randelhoff, Doktorand an der Fakultät Raumplanung der Technischen Universität Dortmund und Betreiber der Internetplattform „Zukunft Mobilität“)

Der dänische Architekt und Städteplaner Jan Gehl auf die Frage, woran man die Lebensqualität einer Stadt erkennt:

Es gibt einen sehr simplen Anhaltspunkt. Schauen Sie, wie viele Kinder und alte Menschen auf Straßen und Plätzen unterwegs sind. Das ist ein ziemlich zuverlässiger Indikator. Eine Stadt ist nach meiner Definition dann lebenswert, wenn sie das menschliche Maß respektiert. Wenn sie also nicht im Tempo des Automobils, sondern in jenem der Fußgänger und Fahrradfahrer tickt. Wenn sich auf ihren überschaubaren Plätzen und Gassen wieder Menschen begegnen können. Darin besteht schließlich die Idee einer Stadt.

Und wie tickt Wiesloch? Worin besteht die Idee dieser Stadt?

Fahrend oder im Weg stehend bestimmt das Auto das Gesicht der Stadt. Es diktiert, bewusst oder unbewusst, das Denken und Handeln von Verwaltung, Gemeinderat und nahezu aller Bürger. Dem motorisierten Individualverkehr werden selbstverständlich Privilegien in Form von hohen Geschwindigkeiten, dem Absondern von Lärm und giftigen Abgasen, einem absurd hohen Flächenbedarf im öffentlichen Raum sowie seiner Trennwirkung zugestanden.

Mit großem finanziellen Aufwand wird dem Ausbau und der Aufrechterhaltung der Infrastruktur rund um das Auto immer noch, wie jüngst im „Mobilitätskonzept“ Walldorf/Wiesloch beschlossen, Priorität eingeräumt. Das Ergebnis ist die Fortschreibung der lauten, gefährlichen, ungesunden und nicht zuletzt hässlichen autogerechten Stadt.

Vor nicht allzu langer Zeit waren Straßen für alle Verkehrsteilnehmer aller Altersklassen gleichberechtigt zu nutzen. Sie waren, im Gegensatz zu heute, verbindendes Element in Längs- und Querrichtung. Sie fungierten als Begegnungs- und Aufenthaltsraum und waren keine zu „no-go-areas“ und Abstellplätzen verkommenen Gefahrenzonen. Von dieser Nutzungsmischung ist fast nichts mehr übrig geblieben, beruht doch der motorisierte Individualverkehr auf einem elitären, alle anderen Verkehrsteilnehmer ausgrenzenden Konzept.

Das fehlende historische Verständnis dafür, dass alles schon einmal ganz anders war und deshalb auch in Zukunft alles ganz anders sein könnte, entfaltet bei den Betroffenen starke Beharrungskräfte, die den notwendigen gesellschaftlichen Wandel behindern oder sogar blockieren. (Professor Oliver Schwedes, Leiter für integrierte Verkehrsplanung an der TU Berlin)

Wieslochs Verwaltung und eine Mehrheit im Gemeinderat halten dennoch am strukturell asozialen Modell des motorisierten Individualverkehrs fest. Den Widerspruch zwischen der rationalen Einsicht seiner Nichtnachhaltigkeit und der festen Entschlossenheit diesen mit Klauen und Zähnen zu verteidigen, können oder wollen sie, mangels Ideen, Erkenntnis oder Mut, nicht auflösen.

Eine Vorstellung dahingehend, wie sich Mobilität auf sozial integre, gemeinwohlorientierte Weise gestaltet lässt, ist ihnen offensichtlich fremd. Mobilitätskonzepte in Freiburg, Houten/Holland, Kopenhagen, Ferrara/Italien, Pontevedra/Spanien und vielen anderen Städten weltweit sind ihnen entweder unbekannt oder aber zutiefst suspekt.

Dass Verwaltungschefs und Gemeinderäte schon einmal wesentlich weiter im Denken und Handeln waren, zeigt die weitgehend autofreie Wieslocher Kernstadt exemplarisch.

Die Menschen begreifen nicht, dass das Auto sie in eine völlig andere Raum-Zeit-Dimension katapultiert, die sie nicht verstanden haben. Sie fühlen sich gut, während sie die Natur zerstören, die Landschaft zerstören, die Städte zerstören, die Wirtschaft zerstören. Das sind langsame Prozesse, die viele nicht bemerken. Dazu kommt, dass das Auto Menschen mit nachhaltigen Verkehrsmitteln den Boden entzieht, indem es den öffentlichen Raum zur lebensgefährlichen und ungesunden Umwelt macht. (Hermann Knoflacher, der geistige Vater der weitgehend autofreien Wiener Innenstadt)

Eine wieder nach menschlichem Maß gestaltete Stadt erfordert auch eine Mobilität nach menschlichen Maßstäben, inklusive der dazugehörigen fairen Flächenverteilung. Das funktioniert nur mit der Aufwertung von Fuß-, Rad-und öffentlichem Verkehr bei gleichzeitigem Rückbau der Infrastrukturen und der Rücknahme der Privilegien des motorisierten Individualverkehrs.

Unseren Entscheidungsträgern verlangt das in erster Linie ab, sich von vermeintlich alternativlosen Funktionszwängen des motorisierten Individualverkehrs zu verabschieden. Geistige Mobilität und Mut sind gefragt um Mobilität jenseits von Technikgläubigkeit, Kommerzialisierung und Egoismus zu gestalten. Dieser Herausforderung verweigern sie sich jedoch bisher sehr standhaft und überlassen die Gestaltung der notwendigen Transformation, in rückwärts gewandter Manier, doch lieber der nächsten Generation.

Prägnant brachte Ivan Illich dieses Verhalten so auf den Punkt:

Die Zumutung an unsere Kinder, sich in der Welt, die wir ihnen hinterlassen, wohlzubefinden, ist eine Kränkung ihrer Würde. Ihnen dann auch noch die Verantwortung für diese Kränkung aufzubürden, ist eine Niederträchtigkeit.

Klar ist: Die Stadt nach menschlichem Maß und die autogerechte Stadt stellen einen ebenso unüberbrückbaren Gegensatz dar wie die autogerechte Stadt und die proklamierte Stadt der kurzen Wege. Daran wird auch der viel beschworene Austausch des Antriebes nichts ändern.