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Zusteiger-Mitnahme erfordert noch viel Pioniergeist

Zusteiger-Mitnahme erfordert noch viel Pioniergeist

„Zusteiger-Mitnahme erfordert noch viel Pioniergeist“ betitelt die RNZ vom 9.12. einen anschaulichen Artikel, der noch ergänzt wird durch einen Leserbrief von Evelyn Hiedell-Müller zum selben Thema.

RNZ vom 9.12.2008
Noch erfordert die „Zusteiger-Mitnahme“ viel Pioniergeist

Wie das „organisierte Trampen“ der „Zusteiger-Mitnahme“ funktioniert, haben Mitglieder der Verkehrsinitiative „Move“ bereits im Sommer demonstriert.

Wiesloch. (oé) Die Erfahrungsberichte ähneln einander: Anfangs kommt sich „etwas komisch“ vor, wer sich an den Straßenrand stellt, sein gelbes Zusteiger-Schild zeigt und sich so als Teilnehmer an dem Zusteiger-Mitnahme-Projekt der Verkehrsinitiative „Move“ zu erkennen gibt. Aber spätestens nach ein paar Versuchen ist dieses Gefühl weg – und wenn dann die erste Mitnahme geklappt hat, ist die Freude groß – beim Zusteiger ebenso wie beim Mitnehmer. Ursula Sandritter aus Schatthausen spricht da sicher vielen Mitstreitern aus dem Herzen: „Ich finde es ganz toll, wenn es funktioniert hat. Das eigene Auto steht zu Hause und belastet die Umwelt nicht, ich entlaste das Nadelöhr Altwiesloch und brauche obendrein auch keine Parkgebühr zu bezahlen.“

Ursula Sandritter ist eine von inzwischen über 500 Personen, die sich für die Zusteiger-Mitnahme von „Move“ haben registrieren lassen. Die Schatthausenerin ist nicht mehr berufstätig und nutzt die Zusteiger-Mitnahme, wenn sie zu Arztbesuchen oder Einkäufen in die Stadt nach Wiesloch will. Sie stellt sich dann mit ihrem gelben Schild an die Bushaltestelle und wartet, dass sie von einem Auto mitgenommen wird. Dabei richtet sie es so ein, dass nach spätestens 15 bis 20 Minuten der Bus kommt, falls kein Autofahrer hält. Kathleen Böhler war beim ersten „Moven“ sogar bereit, über 30 Minuten zu warten. „Ich wollte es auf jeden Fall ausprobieren“, sagt die PZN-Mitarbeiterin, die zur Arbeit von Schatthausen nach Altwiesloch fährt.

„Move“-Projektleiter Wolfgang Widder freut sich natürlich über so viel „Pioniergeist“. Aber er weiß auch, dass die Zusteiger-Mitnahme mit solchen Wartezeiten noch weit davon entfernt ist, wirklich attraktiv zu sein. Breiten Erfolg haben kann diese Mobilitäts-Alternative nur, wenn sie bequem und nicht mit Verzicht verbunden ist. Sein Ziel ist es deshalb, dass Zusteiger mindestens binnen zehn Minuten einen Mitnehmer finden. Dazu aber müssen viel mehr Menschen als bisher bei dem Projekt mitmachen. 1500 Registrierte – diese Zahl visiert Widder für das nächste Jahr an.

Seit dem 22. September läuft die Zusteiger-Mitnahme schon – allerdings zunächst nur auf dem Streckenast Schatt-hausen-Baiertal-Wiesloch, weil dort die Registrierungsdichte halbwegs ausreichend ist. Auf dem Streckenast Dielheim-Horrenberg war die Resonanz dagegen bislang noch zu gering. Dort fährt lediglich jedes 130. Auto mit einem Aufkleber, der den Fahrer als Mitnehmer kennzeichnet. Und auch die Achse Schatthausen-Wiesloch bräuchte eigentlich noch viel mehr Zusteiger und Mitnehmer, daran lässt Wolfgang Widder keinen Zweifel.

Bisher wurden Wolfgang Widder zufolge in zwei Monaten rund 50 Mitnahmen gezählt. „Mehr als eine am Tag“ sei es kaum im Moment, sagt er. So kommt es, dass die „Move“-Teilnehmer bislang noch oft vergeblich Ausschau halten. Kerstin Kilian etwa bietet eine Mitfahrgelegenheit von Schatthausen, hatte bislang aber nur einen Fahrgast. „Ich hätte gern öfters jemanden mitgenommen. Ich kucke auch immer“, sagt sie.

Auch Doris Kögel aus Altwiesloch hatte bislang als Mitnehmer noch wenig Glück, dafür wurde sie umso häufiger mitgenommen. „Ein tolles Erfolgserlebnis“, wie die Rentnererin betont. Sie ist eine von vielen Projekt-Teilnehmern, die sich sowohl als Zusteiger als auch als Mitnehmer registrieren ließen. Als Zusteiger erhält man ein gelbes Schild mit einem Kürzel für das Fahrziel (etwa „Wi“ für Wiesloch), als Mitnehmer einen gut sichtbaren Aufkleber für die Windschutzscheibe. Die Erkennungszeichen dienen zugleich als eine Art Ausweis, indem dort Namen und Adressen verzeichnet sind. „Wir bilden so eine Art Club“, erläutert Wolfgang Widder. Die Mitgliedschaft kostet nichts, allerdings muss man mindestens 16 Jahre alt sein und bei Minderjährigen müssen die Eltern unterschreiben.

Eine zusätzliche Versicherung ist dem Projektleiter zufolge nicht nötig: Wer mitgenommen wird, ist über die Kfz-Haftpflicht automatisch mitversichert. Zusteiger und Mitnehmer können auch eine Vergütung vereinbaren. Die „Move“-Initiatoren empfehlen als Orientierungswert einen Euro pro Fahrt, die der Mitnehmer erhält, bei kürzeren Strecken könne es auch weniger sein, meint Wolfgang Widder. Ziel dieses „organisierten Trampens“ ist es, dass die Leute möglichst wenig allein im Auto fahren und so den Verkehr reduzieren und die Umwelt entlasten helfen.

Aber „Move“ ist nicht nur ein Verkehrsprojekt, es ist dem Mitinitiator Wolfgang Widder zufolge auch ein „Sozialprojekt“. Es hilft nämlich, dass Menschen sich kennenlernen und Kontakte untereinander knüpfen. Doris Kögel kann dies, wie andere Projektteilnehmer auch, nur bestätigen: Bei den gemeinsamen Fahrten entwickeln sich ihren Erfahrungen zufolge gute Gespräche, ja es entstehen sogar Freundschaften. „Es ist einfach eine tolle Atmosphäre, jeder freut sich, etwas Gutes und Sinnvolles getan zu haben“, lautet ihr Fazit.

Leserbrief

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