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Ziel: „Ein stressfreier Verkehrsablauf für alle“

Ziel: „Ein stressfreier Verkehrsablauf für alle“

In Wiesloch hat das Verkehrsforum seine Arbeit aufgenommen – Auftaktveranstaltung am Samstag – Organisatoren sind zufrieden

Wiesloch. (oé) Im März hat der Gemeinderat eine weitreichende Entscheidung getroffen: Keine der zur Diskussion stehen den Varianten für eine Umgehung Altwieslochs fand im Gremium eine Mehrheit. Damit ist der Bau einer neuen Straße vom Tisch. Statt dessen folgte der Gemeinderat im Juli einem interfraktionellen Antrag (von Freien Wählern, Grünen und SPD), der ein ganzes Bündel alternativer Maßnahmen zur Verkehrsentlastung vorsieht. Eine zentrale Forderung dieses Maßnahmen-Katalogs war die Einberufung eines Verkehrsforums, in dem Bürger und Kommunalpolitiker, aber auch Vertreter von Unternehmen und Interessensgruppen gemeinsam Ideen für die Verbesserung der Verkehrssituation in Wiesloch entwickeln sollen.

Am Samstag nun hat dafür im Palatin die Auftaktveranstaltung stattgefunden. Mit der Resonanz zeigten sich die Organisatoren rundum zufrieden: Etwa 60 Teilnehmer diskutierten einen Tag lang in verschiedenen Arbeitsgruppen und im Plenum Wieslochs Verkehrsprobleme und entwickelten erste Ansätze zu deren Lösung. Diese Arbeit soll nun in den kommenden Monaten weitergehen. Dazu wird sich ein Kreis von maximal 30 Mitgliedern als Verkehrsforum konstituieren, das als „Ideenbörse“ dient und Handlungsempfehlungen an den Gemeinderat formuliert, der letztlich die Entscheidungen trifft. Die Ratsfraktionen sind ebenso mit im Boot wie Vertreter von Verwaltung, Firmen und Lobbygruppen. Etwa ein Drittel der Plätze ist für interessierte Bürger reserviert.

Das Interesse an einer Mitwirkung ist groß, wie die vielen Meldungen am Samstag dokumentierten. „Das Thema ist in den Köpfen der Bevölkerung“, so Simone Janas vom Lenkungskreis. Zur Freude der Organisatoren wollen sich gerade auch Bürger aus Altwiesloch, die von der Ablehnung der Umgehungsstraße am unmittelbarsten betroffen sind, am Verkehrsforum beteiligen. Moderiert wird der weitere Diskussionsprozess von dem Verkehrsexperten Prof. Hartmut Topp. Er war lange Jahre Professor für Mobilität und Verkehr an der Technischen Universität Kaiserslautern und betreibt nun ein eigenes Verkehrsplanungsbüro. Topp hatte bereits am Samstag deutlich gemacht, worum es im Verkehrsforum gehen wird: nicht um mittel- und langfristige Infrastruktur-Maßnahmen, sondern vorrangig um Fragen des Mobilitäts-Managements, die kurzfristig umsetzbar sind und bald eine Entlastung bringen. Dabei will man sich am Vorbild eines „stadtverträglichen Verkehrs“ orientieren, der „einen stressfreien Verkehrsablauf für alle“ gewährleisten soll.

Straßen hätten dabei nicht nur eine Verkehrs-, sondern auch eine Aufenthaltsqualität. Und hier setzten Kinder, alte und behinderte Menschen den Maßstab. Erreichbar sei ein solch „stadtverträglicher Verkehr“ nicht allein über weniger, sondern vor allem auch über einen langsameren Verkehr. Topp: „Das Tempo ist in seiner Störwirkung genauso dominant wie die Verkehrsmenge.“ Der Verkehrsexperte erinnerte auch daran, dass das Thema Verkehr nicht nur eine ökologische, sondern auch eine ökonomische und vor allem eine soziale Funktion hat. „Mobilität muss für alle verfügbar und bezahlbar sein“, so Topp. Und noch eine Erkenntnis gab der Experte der Versammlung mit auf den Weg: Die Akzeptanz der Bevölkerung für Alternativen zum Autoverkehr hängt vor allem davon ab, welche Vorteile sie jedem einzelnen bringen: „Der erhobene Zeigefinger fruchtet nicht viel.“ Stattdessen müsse man die „persönlichen Vorteile“ aufzeigen.

Wo in Wieslochs Verkehr „der Schuh drückt“, machte der Auftakt des Verkehrsforums einmal mehr deutlich. Sämtliche neuralgischen Punkte wurden benannt: an der Spitze natürlich die Ortsdurchfahrt Altwiesloch, aber auch die „Verkehrsschneise“ Heidelberger Straße (Topp: „einer Kleinstadt wie Wiesloch nicht angemessen“) oder das künftige Fachmarktzentrum. Auch Lösungsansätze wurden bereits diskutiert. Topp nannte die Verbesserung von Radwegenetz und Aufenthaltsqualität (gerade außerhalb der Altstadt), aber auch das betriebliche und schulische Mobilitätsmanagement. So müsse etwa die „soziale Dimension des Schulwegs“ deutlich gemacht werden (wenn der Weg statt im „Elterntaxi“ mit den Altersgenossen zurückgelegt wird). Auch über eine effizientere Nutzung des Autos (etwa über Fahrgemeinschaften) will man sich Gedanken machen. Hinzu kommen weitere Punkte, wie sie bereits im fraktionsübergreifenden Gemeinderats-Antrag vom Sommer formuliert sind: vom Ausbau des Busverkehrs (etwa zum S-Bahn-Haltepunkt Mauer) bis hin zu Nachtfahrverboten für Lkw und Pförtnerampeln.

Nach Einschätzung von OB Franz Schaidhammer hat die Auftaktveranstaltung eine „gute Grundlage“ für die weitere Arbeit des Verkehrsforums geliefert. Nun zu konkreten Vorschlägen zu kommen, werde allerdings „nicht einfach“. Das Verkehrsforum hat dazu bis Ende des Jahres Zeit. Drei Arbeitssitzungen sollen bis dahin stattfinden (die nächste schon am 30. September). Es werde sich um einen „straffen Prozess“ handeln, so Wolfgang Widder vom Lenkungskreis. Bereits am 26. Januar sollen dem Gemeinderat erste Ergebnisse vorliegen.

Info: Die Geschäftsstelle des Verkehrsforums betreut Bürgermeisterin Ursula Hänsch. Sie gibt weitere Informationen und sammelt Ideen und Vorschläge: ursula.haensch ( at ) wiesloch.de.

Quelle: RNZ vom 15.09.2010

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