Bild_kopf
Neue Fahrkultur gefällt Geldbeutel und Gemüt

Archiv:

Neue Fahrkultur gefällt Geldbeutel und Gemüt

11. Juni 2008

Mehr als 42 000 Menschen haben Ulrich Pfeifer und Anita Löffler schon geschult – Die Geschäfte der Plankstadter Firma boomen
Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung vom 11. Juni 08

Von Kirsten Baumbusch
Hockenheim. Um 20 Prozent geringere Spritkosten, reduzierter Ausstoß von Kohlendioxid, mehr Sicherheit und weniger Stress durch vorausschauendes Fahren: Das alles kann man in drei Stunden Fahrtraining lernen. Wer da rund 20 000 Kilometer im Jahr Asphalt unter die Räder nimmt, hat so mit geringerem Verschleiß und weniger Unfällen schnell 1000 Euro im Jahr gespart. Allerdings: Wenn Ulrich Pfeifer und Anita Löffler nicht mit harten Zahlen
und Fakten belegen würden, was die 19 Herren des ABB Forschungszentrums aus Ladenburg da geschafft haben, mancher würde es kaum glauben. Bei den Teilnehmern des Fahrtrainings handelt es sich um Informatiker, Physiker und Ingenieure. Und die sind den kritischen Umgang mit Zahlen gewöhnt. Sie haben einen Urlaubstag investiert, um sich eine neue Fahrkultur anzueignen. Die Kosten für den Kurs, Sicherheits- und Eco-Training
zusammen 150 Euro, übernimmt die Firma.

Die ersten sind sie nicht. Seit die in Plankstadt ansässige Firma „Eco-Consult“ vor zehn Jahren gegründet wurde, haben 42 000 Männer und Frauen die Schulung durchlaufen, darunter auch die Chauffeure des Bundestags, Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen, komplette Außendienste und Müllfahrer. Mehr als 10 000 Teilnehmer aus ganz Deutschland werden es dieses Jahr sein. „Die Branche boomt,“ sagt Pfeifer und strahlt. 40 Mitarbeiter beschäftigen er und seine Partnerin schon. „Wir wachsen derzeit jedes Jahr um 200 Prozent“, kann der 60_Jährige vermelden. Leicht war das nicht. Obwohl zwischenzeitlich der Kraftstoffverbrauch beim Autokauf ein wichtiger Aspekt geworden ist, denkt kaum jemand daran, wie viel er durch sein Fahrverhalten sparen könnte. Dabei wären die Summen, die da in der Gesamtheit zusammenkommen, gigantisch. 50 Millionen Autos nach dieser Methode gefahren, würden pro Jahr 25 Millionen Tonnen Kohlendioxid weniger in die Luft pusten. Das, so weiß der Energieberater Pfeifer, entspricht dem Potenzial, das durch Wärmedämmung sämtlicher Gebäude in Deutschland noch zu erreichen wäre. Aber manche Gruppen sind schlicht beratungsresistent. So offen die Türen für die Ideen zwischenzeitlich bei Großunternehmen, Stadtverwaltungen und Transportdiensten sind, Taxifahrer beispielsweise konnte Eco-Consult bislang noch nie gewinnen. Dabei, so rechnet Pfeifer vor, wären da pro Auto locker 4000 bis 5000 Euro im Jahre einzusparen.

Wie es theoretisch geht, musste den Mitarbeitern des ABB-Forschungszentrums niemand erzählen: Früher hoch und später runter schalten, Reifendruck überprüfen und alles, was die Aerodynamik des Autos stört (Dachgepäck, Fahrräder oder sogar Deutschlandfähnchen), abmontieren. Gleichwohl ist es nicht nur das Fahrverhalten des Einzelnen. Gerade war Öko-Experte Pfeifer auf Tour in den Niederlanden. In Drachten, einer kleineren Stadt bei Groningen, haben sich die Stadtplaner daran gemacht, den Verkehr so aufzuteilen und zu regeln, dass er möglichst zügig rollen kann. Ergebnis: Mit dem gleichen Auto hat Pfeifer dort auf einer vergleichbaren Strecke durch die
Stadt mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 28 Kilometer in der Stunde 4,6 Liter Sprit verfahren und in Schwetzingen bei 23 Kilometern pro Stunde 5,6 Liter.

Doch zurück zur ABB-Forschungsabteilung. Die Kursteilnehmer Oliver Gramberg und Heiko Petersen waren so nett, sich aufs Lenkrad und den Kraftstoffverbrauch gucken zu lassen. Die erste der zehn Kilometer langen Runde über Schnellstraße, Industriegebiet und Wohnbebauung absolvierten beide im japanischen Mittelklassewagen mit einem Verbrauch von 8,8 Liter pro 100 Kilometer und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 50,4 beziehungsweise 54,4 Kilometern in der Stunde. Im zweiten Durchlauf, nach der Schulung, schaffen sie es mit drei Litern pro 100 Kilometern weniger. Jetzt gilt es, in den nächsten drei Tagen hochkonzentriert die neuen Erkenntnisse zu festigen. Dann, so hat Pfeifer tausendfach erlebt, ist das Fundament für eine dauerhaft sparsame Fahrweise gelegt.

Nähere Informationen gibt es unter www.ecofahr.com.
080611-neue-fahrkultur-gefallt-geldbeutel-und-gemut