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”Move” baut auf Bürgerbeteiligung

”Move” baut auf Bürgerbeteiligung

Auftaktveranstaltung zu ”Mobilität bewahren, Verkehr sparen” mit vielversprechenden Projekten

Quelle Wieslocher Woche 7/2008

(hen). An ein positives Ende einer endlosen Geschichte glaubt kaum jemand, denn seit Jahrzehnten wird für die Wieslocher Ost-West-Einfahrt aus Richtung Baiertal und Dielheim eine Umgehungsstraße gefordert, für die auch Oberbürgermeister Franz Schaidhammer in absehbarer Zeit keine Realisierung sieht. Zusammen mit seinem Dielheimer Kollegen Hans-Dieter Weis und dem Wieslocher Dipl.-Psychologen Wolfgang Widder, den WIWA-Bürgern noch bestens als Initiator der Aktion ”Buch im Dreieck” bekannt, hatte Schaidhammer ins Altwieslocher Bürgerhaus eingeladen zur Auftaktveranstaltung ”Ein Verkehrsprojekt für Wiesloch und Dielheim stellt sich vor”. Konkret geht es dabei um ”weiche Maßnahmen” (Schaidhammer), insbesondere das morgendliche Verkehrsaufkommen aus Osten nach Wiesloch zu vermindern.
Mit Widder als Projektleiter von ”Move” – ”Mobilität bewahren, Verkehr sparen” – wurden bereits mehrere Arbeitsgruppen gebildet und Vorschläge ausgearbeitet, die an diesem Abend im Bürgerhaus einem interessierten und in großer Zahl erschienenen Publikum vorgestellt wurden – musikalisch begleitet von den ”Nachtigallen” und ihren Liedern rund um den ”Stau”.

Wenn jährlich mehr Menschen im Verkehr sterben als durch Mord oder Drogen, wenn mehr Menschen aufgrund von Abgasen als durch Verkehrsunfälle sterben, dann sei es dringend notwendig, aktiv zu werden, betonte Schaidhammer. Bei rund 17.000 Arbeitsplätzen in der Weinstadt, aber nur 8.000 sozialversicherten hier wohnhaften Arbeitnehmer könne man mit rund 16.000 Personen rechnen, die täglich nach Wiesloch rein- bzw. aus Wiesloch herausfahren, ”und das zweimal am Tag”. Und selbst ”wenn die Umgehungsstraße eines Tages kommt, brauchen wir Entlastung” besonders vom morgendlichen Stau. Ihm schweben ”weiche Maßnahmen” vor und dazu käme die aus der lokalen ”Agenda Wiesloch 21” hervorgegangene Initiative ”MoVe” mit ihrem Leiter Wolfgang Widder ins Spiel.

AGENDA – das Zu-Tuende

Mit Rückblick auf die UN-Umweltkonferenz 1992 in Rio de Janeiro, auf der die Bundesrepublik wie 178 andere Staaten ein Abkommen für eine nachhaltige, umweltgerechte Entwicklung mit den drei Säulen Ökologie, Ökonomie und Soziales unterzeichnete, erinnerte Wieslochs Umweltbeauftragte Monika Stein an die bisherige Entwicklung, in der auch die Kommunen eine wichtige Rolle spielen. 1998 begann die Aktion Lokale Agenda 21 in Wiesloch mit dem Forum Wiesloch 21, der Ausstellung Umwelt-Dialog-Zukunft sowie einem Grundsatzbeschluss des Gemeinderates. Im folgenden Jahr wurden erste Arbeitskreise gebildet und 2000 das ”Leitbild Wiesloch” konzipiert. 2001 sei der Lenkungskreis in Aktion getreten, in den Folgejahren ging es u.a. um Zukunftsperspektiven der regionalen Landwirtschaft, um Energiesparberatung,
Integration oder Frauenforum. 2007 folgten das Ehrenamtsbüro und der Hochwasserschutz und für 2008 ist ein Nachhaltigkeitsbericht geplant – außerdem tritt ”Move” in Aktion. Und für dessen bisherige Planungen und Aktionen übernahm Widder Erklärungen und Moderation, während Winfried Matt zum Problem ”Feinstaub” Stellung nahm, wobei im vergangenen Jahr die Höchstbelastung in der Baiertaler Straße bereits an 49 Tagen überschritten war.

MoVe – Mobilität bewahren, Verkehr sparen

Zu den Zielen von ”MoVe” gehören, so die Umweltbeauftragte des Gemeindeverwaltungsverbandes Rauenberg Dr. Brigitta Martens-Aly, Reduktion derAnzahl der PKWs, die in Ost-West-Richtung Altwiesloch im kritischen morgendlichen Zeitfenster (6.30 – 8.30 Uhr) durchfahren, um ca 10 % (von gegenwärtig 2.000 auf ca. 1.800 PKW) sowie erheblich
messbare Verringerung der Länge und Dauer der morgenlichen Altwieslocher Rückstaus an Schulwerktagen. Damit verbunden sei die Verringerung der kfz-bedingten Feinstaub- und Lärmbelästerung durch Erhöhung des PKW-Besetzungsgrads im genannten Zeitfenster um ca 10 %. Außerdem erwarte man Anstöße zu einer neuen Mobilitätskultur
im Raum Wiesloch-Dielheim mit konkreten und zusätzlichen Mobilitäts-Angeboten verschiedener Art, wie Entwicklung, Bekanntmachung, Erprobung und Verarbeitung verschiedener Mobilitätsalternativen, Stärkung des Bus- und Radverkehrs sowie Erhöhung der Bereitschaft der Bevölkerung, die eigene Mobilität flexibler zu gestalten. Zur Erreichung dieser Ziele dienten eine Organisationsstruktur mit Projektleiter und Steuergruppe sowie Öffentlichkeitsarbeit und Evaluation und ein Beirat der beteiligten Gemeinden bzw. Ortschaften Schatthausen, Baiertal, Dielheim, Altwiesloch, Horrenberg/
Balzfeld undWiesloch sowie die Transportarten Fahrrad, ÖPNV und Auto.

Mit seinem Erstlingswerk über den morgendlichen Verkehr aus Osten in die Weinstadt hat Andreas Kessler einen interessanten Film produziert, dessen Inhalt durch eine Fotoausstellung und eine am 4. Dezember durchgeführte
Verkehrszählung zwischen 6.30 und 8.30 Uhr mit z.B. 1633 Pkws mit nur einem Insassen untermauert wurde. Mit insgesamt
316 Fahrzeugen gab es eine Spitze im Zeitraum 7.30 bis 7.45 Uhr, aber von 8.15 bis 8.30 Uhr waren es noch immer 265 Fahrzeuge. Die zweistündige Zählung ergab 508 Insassen in sechs Schulbussen, 490 Personen in PKWs als Mitfahrer, 333 Personen in zehn Linienbussen, 103 Radfahrer, 37 Kraftradfahrer, 31 Fußgänger sowie 17 Insassen in sieben Taxis. Außerdem, und darüber beklagte sich der Vorsitzende des Altwieslocher Stadtteilvereins Dietrich Bajohr besonders, 65
LKWs, ”die mit zu viel Krach durch Altwiesloch rasen, dass die Häuserwackeln”. Das hohe Verkehrsaufkommen führe zu einer Fahrtdauer von elf bis zwölf Minuten von der Baiertaler Ortsausfahrt bis zur Südlichen (PZN)-Zufahrt. Und während Baubürgermeister Erwin Leuthe betonte, dass aufgrund des verbesserten ÖPNV die Verkehrszahlen von 2002 bis 2006 um ca. 10 % abgenommen haben, seitdem sich jedoch eine kleine Zunahme bemerkbar mache, ”hat der Stau viel mit dem Schulverkehr zu tun”, wobei dies nicht nur Schüler in den Bussen betreffe.

Mitfahrerbörse

Mitfahrerbörsen gab es bereits in den 1950er Jahren, damals jedoch hauptsächlich, um preiswert zu verreisen. Die vom MoVe-Konzept propagierte und ”ab sofort geöffnete”, so Initiator Wolfgang Widder im Altwieslocher Bürgerhaus, Mitfahrerzentrale (www.mifaz.de/wiesloch) hat das vorrangige Ziel der Verkehrsminderung, eingedenk des MoVe-
Leitspruchs ”Mobilität bewahren, Verkehr sparen”. Während es sich bei dieser Aktion vorwiegend um regelmäßige Fahrten zu in der Regel festen Zeiten handelt, geht es beim ”Zusteiger-Mitnahme-System” eher um unregelmäßige Fahrten bei flexibler Zeiteinteilung, das auf Anregungen von Baiertals Ortsvorsteher Karl-Heinz Markmann zurückgeht.

Ab sofort können sich Autofahrer bei der Sparkasse registrieren lassen, wenn sie bereit sind, Zusteiger mitzunehmen. Dazu erhalten sie einen Aufkleber für ihr Auto. Neben einem Ausweis erhalten die Zusteiger auch mit Buchstaben versehene Schilder für ihr jeweiliges Ziel, z.B. ALT für Altwiesloch, HOR für Horrenberg, WI für Wiesloch oder für Firmen
wie SAP, MLP oder PZN. Nach Angaben von Widder müssen sich mindestens 400 Autofahrer und 150 potentielle Zusteiger registrieren lassen, um die Aktion starten zu können. Dabei sollten sich die Fahrten von Anbietern und Suchern (”jedenfalls vorläufig”) auf den Nahverkehr konzentrieren.

Aktion ”4 statt 5”

Was hinter dem Slogan der an diesem langen Abend im Bürgerhaus gestarteten Aktion ”4 statt 5 – Ich mache mit!” steht, musste den meisten Anwesenden erklärt werden. Per Unterschrift verpflichten sich die Teilnehmer, (mindestens) einmal wöchentlich das Auto stehen zu lassen und nur ”4 statt 5”-mal zu benutzen. Die Teilnehmer verpflichten sich, ”aktiv die Verkehrssituation in Wiesloch und Dielheim zu verbessern und in den kommenden Monaten mindestens sechs Wochen
lang” den Großteil der Wege in Wiesloch/Dielheim zu Fuß oder mit Bus, mit dem Fahrrad oder mit einer Fahrgemeinschaft zu bewältigen; sich mindestens einmal pro Woche nicht allein im PKW zur Arbeit, Schule oder anderen Zielen zu bewegen, sondern z.B. mit Bus, Rad, Fahrgemeinschaft oder zu Fuß; bereit sei, andere Wieslocher oder Dielheimer im Rahmen des ”Zusteig-Mitnahme-Systems” in ihrem Fahrzeug mitzunehmen oder selbst mitzufahren; und/oder sich bei der Mitfahrbörse (www.mifaz.de/wiesloch) einzutragen, um Fahrgemeinschaften zu bilden. Um an den Verlosungen teilzunehmen (drei
mal mit jeweils zehn Preisen im Wert von 25 bis 150 Euro), muss der Beginn der von der Sparkasse Heidelberg verwalteten schriftlichen Verpflichtung der Teilnahmebeginn eingetragen werden und wer auf der move-Internetseite als positives Beispiel genannt werden möchte, kann dies ebenfalls auf seiner Teilnahmekarte ankreuzen. Teilnahmekarten
gibt es bei den Sparkassenfilialen in Wiesloch und Dielheim, bei den Wieslocher Fahrradgeschäften sowie Ortsverwaltungen und Bürgerbüros.

Bürgerbeteiligung ist notwendig

Dass ”Move” nicht ohne weitgehende Bürgerbeteiligung erfolgreich sein kann, wurde von allen Diskussionsteilnehmern an diesem Abend nachhaltig betont. Und dazu dienen mehrere Termine für die nächsten Wochen:
13. Februar, 20 Uhr: Gruppe Schulzentrum (Kontakt: Sabine Schöner, Tel. 76197)
17. Februar, 20 Uhr: Autogruppe
18. Februar, 19.30 Uhr: Ortsteam Dielheim
19. Februar, 18.15 Uhr: Bahnhofsgruppe
21. Februar, 18.30 Uhr: Ortsteam Baiertal (Kontakt Karl-Heinz Markmann, Tel. 982542)
22. Februar, 15-20 Uhr: Schulverkehrsworkshop (Kontakt: Sabine Schöner, Tel. 76197)
23. Februar, 9-13 Uhr: Schulverkehrsworkshop (Kontakt: Sabine Schöner, Tel. 76197)
4. März, 19.30 Uhr: Ortsteam Altwiesloch
7. März, 18 Uhr: Ortsteam Schatthausen (Kontakt: Christoph Aly, Tel. 73685)

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