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Mit dem Fahrrad von Gibraltar zum Bermudadreieck

Mit dem Fahrrad von Gibraltar zum Bermudadreieck

„Mit dem Fahrrad von Gibraltar zum Bermudadreieck“ ist ein Artikel aus der aktuellen Wieslocher Woche überschrieben – es geht freilich ums Ruhrgebiet und den Ruhrtalradweg. lesen sie mehr

Mit dem Fahrrad von Gibraltar zum Bermudadreieck

Das Ruhrgebiet – die Kulturhauptstadt Europas 2010

Einmal nach Gibraltar radeln – und mit einem Eis in der Hand übers Wasser schauen. Wer möchte das nicht? Das ist ganz einfach: in Wiesloch um 8:00 Uhr die die S-Bahn nehmen; in Heidelberg in den Intercity nach Bochum wechseln, vier Stunden später dort aufs Fahrrad steigen und nach Gibraltar radeln. Denn dieses Gibraltar ist das Naherholungsziel gleichen Namens an der Ruhr, nahe Bochum.

Klar, die Radmitnahme im IC verlangte eine Reservierung. Am Schalter (oder im Internet) war das aber kein Problem. Und dann stand unserem Vergnügen nichts mehr im Wege. Ein erholsamer Kurzurlaub, der Spaß machte, kulturellen Genuss bot und einmal ganz ohne Auto auskam.

Das Ruhrgebiet ist in diesem Jahr „Kulturhauptstadt Europas“. Und das Pendeln zwischen den vielen verteilten Sehenswürdigkeiten wollten wir verbinden mit Touren auf den dort durchweg gut ausgebauten Radwanderwegen.

Eine schöne Halbtagesrunde ging so von Bochum zunächst in Richtung Südosten, bis zum Ruhrradweg (www.ruhrtalradweg.de). Diesem folgten wir ruhrabwärts, am schon bekannten Gibraltar vorbei bis nach Hattingen. Dessen sehenswerte Altstadt lohnte wirklich den Be¬such. Und besonders eindrucksvoll war die ehemalige, in weiten Teilen erhaltene Henrichs Hütte. Die Arbeitsabläufe rund um den Hochofen werden noch einmal erlebbar. Letzterer ist zu besichtigen; zum Glück gibt es jetzt einen Fahrstuhl hinauf, denn so ein Hochofen ist wirklich hoch!

Für den Abend bietet sich das „Bermudadreieck“ an, das Ausgehviertel (mit gleichnamiger U-Bahn-Station) in Bochum. Unzählige Restaurants, Straßencafés und Kneipen bieten für jeden etwas. Und wer über einem Pils oder einem Eisbecher die vorbeiflanierenden Zeitgenossen beobachtet, gewinnt einen guten Eindruck vom „Ruhrgebiet heute“. Dass in Bochum auch das Musical „Starlight Express“ lockt, muss man sicher nicht mehr erwähnen.

Die nächste Tagestour führte ab Bochum zunächst auf der stillgelegten „Erzbahntrasse“ nach Norden. Dieser ganz neue Radwanderweg verläuft meist in einiger Höhe. Denn die ur-sprüngliche Bahnstrecke befand sich auf einem Damm, um andere Bahnen und Straßen auf Brücken queren zu können. So genießt man heute beim Radeln überraschende Aus¬sichten. Informationsschilder informieren über den damaligen Bau der Bahnstrecke in diesem Berg-baugebiet mit seinem unruhigen Untergrund. Hochmodern und frisch eingeweiht sind dagegen die kühn geschwungenen neuen Radwegbrücken an Anfang und Ende des 9 km langen Weges.

Nun ging es am Rhein-Herne-Kanal einige km in Richtung Westen weiter, um dann in südlicher Richtung nach Essen abzubiegen. Die überall gute Beschilderung erleichterte die Orientierung sehr. Ziel war die ehemalige Zeche „Zollverein“. In diesem Weltkulturerbe befinden sich das Zentrum der „Kulturhauptstadt“- Veranstaltungen. Hier gibt es Industriegeschichte zum Anfassen. Vieles rund um den „Pott“ ist spannend und nachdenklich zugleich dargestellt. Von der Urgeschichte über den Beginn der Industrialisierung, das All-tagsleben zwischen Zechen und Hochöfen, bis in die Ge¬genwart. Für die Besichtigung des Geländes und der Ausstellungen sollte man ausreichend Zeit mitbringen, auch wenn ein Besuch unter Tage hier nicht mehr möglich ist.

Die zahlreichen Bahn-Rad-Wege garantieren ein steigungsarmes und fast autofreies Voran-kommen. Besonders schön anzusehen waren stets die vielen kleinen und großen Instal-lationen, Kunstwerke, Gebilde am Wegesrand – Kulturhauptstadt halt. Oft an unerwarteter Stelle, waren sie stets für ein Lächeln oder Staunen gut. Wie gut, dass wir mit dem Fahrrad unterwegs waren – im Auto wäre man an vie¬lem einfach vorbeigebraust.

Westlich von Bochum-Dahlhausen (mit dem großen Eisenbahnmuseum) ließ uns der Ruhr-Radweg vergessen, dass er durch eines der großen Ballungsgebiete Europas führt. Grüne Landschaft, ruhige Fluss-Schleifen, Kormorane und Reiher, Schilfgebiete und Wälder be-gleiteten den Weg. Erst wo die Ruhr in den Baldeneysee fließt, südlich von Essen, wurde es etwas lebhafter. Aus der Nähe pfiff die Dampflok der Hespertal-Museumsbahn, auf dem See lud ein Ausflugsdampfer zur Rundfahrt, und am Ufer lockten Eiscafés wie das im Haus Scheppen. Wer genau hinschaute, entdeckte auf diesem See sogar Eisberg und U-Boot! Hoch überm Nordufer steht eindrucksvoll die Villa Hügel, das schloßartige Anwesen der Industriellenfamilie Krupp.

Weiter ging’s zum „Aquarius“ in Mühlheim an der Ruhr. In dem ehemaligen Wasserturm dreht sich alles um unser natürlichstes Lebensmittel, das Wasser: Herkunft, Gewinnung, bis zur Zähmung und Nutzung der Wasserkraft. Sehr empfehlenswert ist auch die Mühlheimer Camera Obscura, in einem alten Turm. Die für die ganze Familie interessante, lebendige Vorführung der optischen Effekte ist im Eintrittspreis enthalten.

Von Duisburg aus ging es mit dem Zug wieder heim. Auch Bochum und Essen sind Halte an der IC-Strecke und wären mögliche Einstiege. Übrigens fährt der In¬tercity durchs sehenswerte Mittelrheintal und nicht über die tunnelreiche ICE-Strecke.

Die Tour füllte ein verlängertes Wochenende; dank der vielen Radwege und Sehenswürdig-keiten kann sie bei Interesse aber beliebig verlängert werden. Außer der Bahnfahrt und ggf. der Unterkunft sind nirgends Reservierungen erforderlich. Damit kann vor Ort spontan entschieden werden, wohin die Tagestouren führen sollen.

Und was blieb? Drei Dinge: die Erkennt¬nis, dass dieser Urlaub mit Bahn und Rad mehr bieten konnte als eine Autotour – die Überraschung, wie grün es im Ruhrpott doch ist – und der feste Vorsatz, das dieses Mal versäumte bald nachzuholen; etwa den Besuch im Deutschen Bergbaumuseum in Bochum, wo auch Besucher wirklich mal „unter Tage“ fahren können.