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Impulse für eine neue „Mobilitäts-Kultur“

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Impulse für eine neue „Mobilitäts-Kultur“

26. Juni 2008

Impulse für eine neue „Mobilitäts-Kultur“

Das groß angelegte Verkehrsprojekt „Move“ will die Menschen zum Nachdenken über ihre „Verkehrsgewohnheiten“ bringen

Quelle: Sonderseite der Rhein-Neckar-Zeitung vom 26. Juni 08

Wiesloch. (oé) Die Verkehrssituation in Altwiesloch ist eigentlich für alle eine Last: Die Anwohner leiden unter der Abgas_ und Lärmbelastung. Und die Autofahrer stöhnen morgens und abends, wenn sie wieder einmal im Stau stehen. Seit in der Baiertaler Straße auch noch der Kanal ausgetauscht wird, hat sich die Situation weiter verschärft. Eine Umgehungsstraße ist zwar in der Planung. Ob und wann sie Wirklichkeit wird, steht aber noch in den Sternen. Da ist guter Rat teuer, möchte man meinen. Aber manchmal liegen die Antworten auch näher als man denkt, davon jedenfalls sind Wolfgang Widder, Dr. Brigitta Martens-Aly und Wieslochs Baubürgermeister Erwin Leuthe überzeugt. Alle drei machen sich im Rahmen der Lokalen Agenda schon seit geraumer Zeit Gedanken darüber, wie man Verkehrsproblemen mit unkonventionellen Mitteln zu Leibe rücken kann. Und alle drei stehen nun auch an der Spitze eines Verkehrsprojekts mit dem beziehungsreichen Namen „Move“. Das Wort ist die Abkürzung für „Mobilität bewahren – Verkehr sparen“ und bedeutet im Englischen so viel wie „bewegen“. Und bewegen wollen die Initiatoren einiges. Die Idee lautet kurz zusammengefasst: durch alternative Mobilitätsformen so viel Verkehr wie möglich einsparen und dadurch die Ortsdurchfahrt Altwieslochs spürbar entlasten. Altwiesloch hat man deshalb als „Versuchsobjekt“ gewählt, weil hier die Verkehrsprobleme „am offenkundigsten zutage treten“, erklärt Brigitta Martens-Aly. Das Projekt ist aber keineswegs auf den Wieslocher Stadtteil begrenzt. Es bezieht auch die Nachbarorte ein, aus denen der Verkehr vor allem kommt, der durch Altwiesloch fließt. Und es hat ebenso die Zielpunkte der Verkehrsteilnehmer im Blick: vor allem das Schulzentrum, aber auch die großen Arbeitgeber in den Gewerbe_ und Industriegebieten Wieslochs und Walldorfs.

Immerhin wurde dieses Konzept für so interessant befunden, dass das Land das zunächst auf ein Jahr angelegte Agenda-Projekt unterstützt und zwei Drittel des Gesamt-Etats von 39 000 Euro übernimmt (das restliche Drittel zahlt die Stadt). Vergangenen Dezember fand eine erste Verkehrszählung in Altwiesloch statt. Sie soll Ende dieses Jahres wiederholt werden, um anhand der Ergebnisse ablesen zu können, was die Verkehrsinitiative erreicht hat. Das „Zählbare“ ist aber nur ein Aspekt des Projekts. Auf einen anderen legt Mit-Initiator Wolfgang Widder mindestens genauso viel wert. „Move“ soll Impulse für eine neue „Mobilitäts-Kultur“ geben und die Menschen dazu bringen, über ihre „Verkehrsgewohnheiten“ nachzudenken. Es soll helfen, Barrieren abzubauen, die es vielleicht gegen eine Nutzung von ÖPNV, Fahrrad oder Fahrgemeinschaften gibt. Solche alternativen Mobilitätsformen
sollen mehr Ansehen gewinnen; allerdings will man auch kein „Schwarz-Weiß-Denken“ predigen. „Alle Verkehrsarten haben ihr Recht, wenn sie richtig genutzt werden“, betont Erwin Leuthe. Auch das Autofahren sei nicht „per se schlecht“, das Auto lasse sich aber besser nutzen – etwa wenn Mitfahrer zusteigen. Dafür will „Move“ werben. Der offizielle Startschuss für das Projekt fiel mit einer öffentlichen Veranstaltung in Altwiesloch im Februar.

Seither haben sich zehn Projektgruppen gebildet, die sich der verschiedenen Verkehrsarten (Gehen, Radfahren, ÖPNV) annehmen, aber auch Verbesserungsvorschläge etwa für den Schulverkehr erarbeiten (siehe Artikel unten). Die Resonanz auf die verschiedenen Angebote ist bislang durchaus unterschiedlich. So werden die Busse nach einer Zählung der SWEG (auch dank einer Takt-Verdichtung auf der Linie 702) inzwischen deutlich stärker genutzt. „Ganz gut angenommen“ wurde nach Wolfgang Widders Eindruck bislang auch die Mitfahrzentrale (www.mifaz.de), in der man sich via Internet zu festen Fahrgemeinschaften verabreden kann. Etwa 40 Verbindungen durch die Region werden inzwischen angeboten. Ein anderer „zentraler Baustein“ des Verkehrsprojekts, die „Zusteiger-Mitnahme“, ist dagegen dringend auf weitere Mitwirkende angewiesen. Bislang haben sich rund 210 Personen für diese Form des „organisierten Trampens“ interessiert. Richtig losgehen kann dieses Angebot aber erst, wenn etwa 400 Fahrzeughalter bereit sind, entlang ihrer Strecke Zusteiger mitzunehmen. Die „Move“-Initiatoren wollen deshalb für ihr Projekt noch kräftig die Werbetrommel rühren. Bisher schon hat man versucht, mit Flyern, Bannern, Aufklebern, Stickern und Anzeigetafeln am Wieslocher Stadteingang die „Move“-Idee unter die Leute zu bringen.

Durchaus mit Erfolg, wie die Initiatoren finden. „In die Köpfe sind wir schon reingekommen“, sagt Erwin Leuthe. Jetzt wird es darauf ankommen, möglichst viele Menschen zum Mitmachen zu bewegen. Damit immer mehr sagen können, was kürzlich Besucher einer „Move“-Veranstaltung in Schatthausen in schönstem kurpfälzischen Dialekt so ausdrückten: „Mer muve schun.“

Info: Weitere Informationen auf der Homepage www.move21.de

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