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Gestaltet eure Mitte! – Straße und Agora – ein Ideenwettbewerb mit Schülern und Elter

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Gestaltet eure Mitte! – Straße und Agora – ein Ideenwettbewerb mit Schülern und Elter

10. Oktober 2010

Professor Hartmut Topp, der das Verkehrsforum berät und moderiert, hat in der Zeitschrift „Verkehrszeichen“ mit zwei KollegInnen einen Artikel geschrieben, der seine Denk- und Arbeitsweise recht gut illustriert.

Artikel als pdf-Datei (2,74 mb)
Gestaltet Eure Mitte – Aufsatz unter anderem von Professor Dr.-Ing. Hartmut Topp

Theda von Kalben, Moritz Möllers, Hartmut Topp

Gestaltet eure Mitte! – Straße und Agora
– ein Ideenwettbewerb mit Schülern und Eltern

Die Ausgangssituation
Das Bildungszentrum Tor zur Welt in Hamburg-Wilhelmsburg ist ein Projekt der In-ternationalen Bauausstellung (IBA) Hamburg, das als öffentliches Kooperationspro-jekt mit vielen beteiligten Behörden umgesetzt wird. Beidseits einer Verkehrsstraße gelegen, beinhaltet es Bildungs-, Kultur- und Sozialeinrichtungen mit Schulen für alle Altersstufen, Sprachheilschule, Volkshochschule und Elternschule. Ferner gibt es ein Integrationszentrum, psychologische und pädagogische Beratung, ein Café, Theaterräume, für den Stadtteil offene Kulturangebote in Kunst und Musik, ein Umweltzentrum, eine Geowerkstatt, Lehrerfortbildung und Sportstätten, die auch von Vereinen genutzt werden. Das führt zu hohen Nutzerfrequenzen auch außerhalb der üblichen Schulzeiten einer Ganztagsschule.

Die das Bildungszentrum schneidende Straße (Krieterstraße) ist eine normale Be-zirksstraße mit Fahrbahn, Parkstreifen und Gehwegen (Bild 1). Tagsüber gilt Tempo 30, oft wird schneller gefahren. Der Verkehr setzt sich zusammen aus ca. 3.500 Kfz pro Tag, davon ca. 5 % Lkw, wenig quartiersfremdem Verkehr und geringem Linien-busverkehr, aber hohem Fußgänger- und Radverkehr. Die Straße ist Bestandteil einer Veloroute. Die Anforderungen an Aufenthaltsqualität und Verkehrssicherheit sind hoch.
Die Idee eines Platzes oder einer Agora als Verbindung der Bildungseinrichtungen beidseits der Straße stammt aus dem Gewinner-Entwurf (bof architekten und Brei-mann & Bruun Landschaftsarchitekten) des von der IBA und der Behörde für Schule und Berufsbildung im Jahre 2008 durchgeführten architektonisch-freiraumplaneri-schen Wettbewerbs. Die im Wettbewerbsentwurf dargestellte, gestalterische Umsetzung (Bild 2) wurde zurückgestellt, um Raum zu lassen für die Ideen und die Kreativität der Nutzer, der Schulkinder und ihrer Lehrer. Die IBA initiierte 2009 einen Planungsprozess mit Schülern, Eltern, Lehrern und Anwohnern. Begleitet wurde der Prozess von Schulbehörde, Bezirk Hamburg-Mitte, IBA Hamburg und von den Planungsbüros Breimann & Bruun Landschaftsarchitekten für die gestalterische Umsetzung der Ideen, Argus Stadt- und Verkehrsplanung für die verkehrstechnische Beratung und büro luchterhand für die Moderation. Das zentrale Element des Pla-nungsprozesses war der Ideenwettbewerb Gestaltet eure Mitte für Schüler und Eltern.

Die Gestaltungsaufgabe
Seine Umgebung – Wohnung, Schule, Arbeit oder Freizeit – selbst zu gestalten ist Traum und Herausforderung zugleich. Wohnung, das ist das private, ganz persönli-che Umfeld. Hier kann ich tun oder lassen, was ich will. Was schön ist bestimme ich, und danach gestalte ich meinen privaten Bereich. Schule, Schulhof und Schulumgebung dagegen sind von den Interessen der Gruppe, der Schulgemeinschaft, bestimmt. Die Umgebung der Schule ist öffentlicher Raum. Und die Agora des Bildungszentrums Tor zur Welt ist öffentlicher Platz für die Nachbarschaft, Teil des Schulhofs und Straße zugleich. Wünsche an Funktion und Gestalt müssen hier der Gruppe, der Schulgemeinschaft, der Nachbarschaft, dem Gemeinwohl und auch dem Verkehr dienen.

Dass Schüler ihren Klassenraum oder ihr Schulgebäude mitgestalten, ist nicht neu. Auch für Schulhöfe sind Wünsche von Schülern gefragt. Öffentliche Räume dagegen sind selten von Kindern und Jugendlichen mitgestaltet worden. Aber auch dafür gibt es schöne Beispiele, insbesondere, wenn es um Farbe, Bilder und legales Graffiti geht. So stammt die grafische Gestaltung (Bild 3) einer langen öden Wand am Rampenaufgang des Bahnhofs Bullay an der Mosel von einer Schulklasse. Jedoch geht es dabei meistens um abgegrenzte Flächen, die den Kindern zur Verfügung gestellt wird, selten um die Mitarbeit bei Grundsätzen der Gestaltung ohne vorgegebene „Leinwände“.

Offene Räume und freie Flächen, die sich Kinder und Jugendliche durch ihre eigenen Ideen und ihre eigene Gestaltung aneignen können, sind in den letzten Jahren selten geworden. Es dominieren die vom Verkehr organisierten und kontrollierten Räume. Junge Leute, und auch ältere, schätzen aber Orte, die sie verändern, vielfältig nutzen und auch selbst gestalten können.

Einen öffentlichen Raum, eine Straße mit einer Verkehrsbelastung von immerhin etwa 3.500 Autos am Tag als Verbindung zweier Schulkomplexe zu gestalten, ja als die Mitte, die Agora eines Bildungszentrums, das ist neu. Das ist eine große Chance für alle Beteiligten: Für die Schüler, an der Gestaltung ihrer Umwelt mitzuwirken, für die Schulen, ein neues Verständnis von Kooperation und Gemeinschaft einzuüben, für die internationale Bauausstellung, ein Modell für andere Schulen und andere Städte zu entwickeln, für Eltern und Lehrer, Ideen und Kreativität der Schüler zu erleben, für das Stadtquartier, ein neues Miteinander von Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern auszuprobieren. Das könnte ansteckend wirken und den Stadtteil verändern.

Die Planungsphilosophie
Es gab in der Vergangenheit Vorschläge für einen Tunnel als Verbindung für que-rende Fußgänger – ebenso wie für eine Brücke. Tunnel oder Brücke sind in solchen Situationen oft immer noch der erste Gedanke, und bis in die 1980er Jahre hinein hat man so etwas auch tatsächlich gebaut. Heute wissen wir es besser: Wir wissen, dass viele Fußgängertunnel unwirtliche Orte und sogar Angsträume sind. Wir wissen, dass Fußgänger Treppen und Rampen – wenn möglich – meiden. Wir wissen, dass Autofahrer schnell und wenig achtsam fahren, wenn Fußgänger und Radfahrer ihre eigenen Wege haben. Wir wissen auch, dass einige Fußgänger trotz Brücke oder Tunnel die Straße ebenerdig queren. Und schließlich wissen wir, dass es dann immer wieder zu gefährlichen Situationen und zu Unfällen kommen kann.

Tunnel oder Brücke sind also gefährliche und teure Scheinlösungen. Sie machen Fußgänger zu Verkehrsteilnehmern zweiter Klasse, indem sie ihnen das Recht auf die Normalebene der Stadt verwehren. Diese überlassen sie dem Autoverkehr. Wir wollen aber keine autogerechte Stadt. Wir wollen eine menschliche Stadt. Wir wollen das verträgliche Miteinander gleichberechtigter Verkehrsteilnehmer als Fußgänger, Radfahrer oder Autofahrer, das sichere Miteinander von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, von Schülern, Schülerinnen und Nachbarn aus dem Viertel. Miteinander heißt: Alle nehmen aufeinander Rücksicht. Das wünschen wir uns für innenstädtische Verkehrsräume. Wir müssen also die verschiedenen Ansprüche der Schule, der Nachbarschaft und des Verkehrs auf einer Ebene, auf der Normalebene der Stadt, miteinander in Einklang bringen. Verkehrstechnisch und verkehrsrechtlich gibt es dafür den Ansatz des verkehrsberuhigten Bereichs, oder, wie das aktuell auch in Hamburg als Gemeinschaftsstraße (Gerlach et al, 2009) diskutiert wird, die Begegnungszone (Bild 4) oder Shared Space (Bild 5). Wir bewegen uns also auf bekanntem Terrain, und es handelt sich nicht um ein Experiment, wohl aber um innovative Verkehrsplanung.

Der Beteiligungsprozess
Zentrales Element des von der IBA initiierten und moderierten Beteiligungsprozesses (Theda von Kalben, Daniel Luchterhandt) zur Gestaltung der Agora ist der Ideenwettbewerb Gestaltet eure Mitte mit Schülern und Eltern. Zum Auftakt fand ein Kolloquium statt zur Vorstellung der Gestaltungsaufgabe und zur Klärung von Rückfragen. Daraufhin meldeten sich neun Schüler- und drei Elterngruppen zur Teilnahme an. Die Schüler erarbeiteten ihre Beiträge im Rahmen des Unterrichts, für die Erwachsenen wurde ein ganztägiger Workshop veranstaltet.
Im Juli 2009 stellten acht Schüler- und drei Erwachsenengruppen ihre Arbeiten in Form von Theaterstücken, Geschichten, Modellen und Zeichnungen der 13-köpfigen Jury aus Fachleuten und Vertretern der Schüler, Eltern und Lehrer (Vorsitz: Professor Hartmut Topp) vor (Bild 6). Die Arbeiten der Schüler (Bilder 7 bis 9) zeigten durchweg drei Schwerpunkte:

1. Eine Geschichte, in der sie sich mit sich selbst, ihrer Herkunft, ihrer Schule sowie ihrer Heimat Hamburg und insbesondere mit Wilhelmsburg auseinan-dersetzen.
2. Gestaltungselemente wie Brunnen, Kunstwerke, Bühnen oder Pavillons, die teilweise detailliert dargestellt wurden.
3. Der Straßenraum, der durchweg als eine „andere Straße“ beschrieben wurde. Es wurden Kreisverkehre angeregt, anders farbige Fahrbahnen (pinker As-phalt) bis hin zur völligen Auflösung der klassischen Fahrbahn. Gemeinsamer Tenor war der Wunsch, dass die Schüler an dieser Stelle, ihrer Agora, Vorrang vor dem Autoverkehr haben.

Die Bewertungskriterien der Jury waren Originalität der Ideen, Qualität der Präsentati-on und Umsetzung der Botschaft in die Gestaltung auf dem Platz. Die Jury war be-eindruckt von der Vielfalt der Ideen und zeichnete sechs Präsentationen als Erste-Sieger-Arbeiten (Bilder 7 bis 9) aus, und drei als zweite Sieger. Sie formulierte Emp-fehlungen für die weitere Bearbeitung und für die professionelle Übersetzung der Laien-Arbeiten in drei alternative baubare Entwürfe durch die Landschaftsarchitekten Breimann & Bruun. Die Themen der drei Entwürfe wurden aus den Ideen der Schüler und Eltern abgeleitet: (1) Lernen und Erleben, (2) Menschen und Kulturen und (3) Die Welt zuhause in Wilhelmsburg.

Die Übersetzung der Ideen wurde mit den Wettbewerbsteilnehmern rückgekoppelt durch ein Arbeitsgespräch der Schüler mit den beauftragten Planern (Bild 10), eine Zwischenpräsentation und durch die Erweiterung der Jury um vier stimmberechtigte Vertreter der Siegerentwürfe. In der Zwischenpräsentation formulierten einige Schü-ler recht deutlich und sehr selbstbewusst, dass sie zwar ihre Geschichten und The-men, nicht jedoch ihre konkreten gestalterischen Elemente in der Übersetzung aus-reichend wiederfänden. Besondere Anliegen waren eine Bühne und ein Brunnen oder wenigstens eine Wasserfläche. Die Jury empfahl außerdem, auf eine Torsituation als Begrüßungsgeste zu verzichten, weil ein Tor zwar einlädt, aber auch eine Grenze markiert und nicht die selbstverständliche Verzahnung mit dem Stadtquartier. Nach weiterer Überarbeitung schließlich sprach sich die erweiterte Jury einstimmig für die Variante Menschen und Kulturen (Bild 11) aus.

Das Entwurfsergebnis
Das im Entwurfsergebnis (Bild 11) bearbeitete Thema Menschen und Kulturen war das häufigste und engagierteste Anliegen der Schülerinnen und Schüler. Es passt zudem zu ihnen, ihrer Schule und zu Wilhelmsburg als multi-kultureller und multi-ethnischer Stadtteil. Die Jury findet für die Symbolik der Schiffe große Sympathie. Schiffe unterschiedlicher Art und unterschiedlicher Nutzung fahren auf einem die Schulkomplexe verbindenden Meer. Dieser Entwurf hat die größten Potenziale, die Wünsche und Anforderungen an die Agora in einem klaren gestalterischen Rahmen umzusetzen. Die Schiffe repräsentieren die Ideen und Wünsche der Schüler und Eltern. „Sie sind Symbol für die Kulturen, Nationalitäten und die Wege der Kinder aus fernen Ländern nach Wilhelmsburg, als auch für den Standort Wilhelmsburg als Insel und Hafen, umgeben und geprägt vom Wasser.“ (IBA Hamburg, 2009) Die unkonventionelle Gestaltung von Agora und Straße spiegelt die erfolgreiche Zusammenarbeit von Laien und Fachleuten wieder.
Die Jury geht davon aus, dass der allseits akzeptierte und begrüßte Entwurf als Mo-dellprojekt Begegnungszone oder als verkehrsberuhigter Bereich umgesetzt wird.

Der rechtliche Rahmen
Die schweizerischen Begegnungszonen (Bild 4) mit Tempo 20 und Vorrang für Fußgänger – ähnlich wie an Zebrastreifen – haben sich bewährt: Das Miteinander von Fußgängern, Radfahrern, Autofahrern und Busfahrern funktioniert. Das Tempolimit wird kontrolliert, die Begegnungszonen sind sicher, die Menschen halten sich dort gerne auf. Voraussetzung dafür ist, dass die Begegnungszone in ihrer Gestaltung erkennbar ist. Das wird in erster Linie durch Entfernung der Bordsteine, Ersatz durch Flachborde oder optische Abgrenzung der Fahrbahn bei Gestaltung der Straße als durchgehende Mischfläche erreicht. In der Schweiz, in Genf insbesondere, wurden Begegnungszonen auch im unmittelbaren Umfeld von Schulen (Bild 12) eingerichtet. Die in Begegnungszonen geltenden Regeln werden dort in ansprechenden Comics (Bild 13) vermittelt. Sicherheitsprobleme sind nicht aufgetreten, die niedrigen Ge-schwindigkeiten und das soziale Miteinander stehen eindeutig auf der Habenseite.

Begegnungszonen sind in der deutschen Straßenverkehrs-Ordnung (noch) nicht vorgesehen. Sie wären eine gute Ergänzung, um die Lücke zwischen Tempo 30-Zonen und verkehrsberuhigten Bereichen mit Schrittgeschwindigkeit zu schließen. Der verkehrsberuhigte Geschäftsbereich mit Tempo 10, 15 oder 20 der deutschen StVO kann das nicht leisten, weil er auf Geschäftsbereiche beschränkt ist und dem Autoverkehr – im Gegensatz zur Begegnungszone – Vorrang gibt. Modellversuche mit Begegnungszonen oder Shared Space hat Hamburg in der Diskussion um Gemeinschaftsstraßen ausgeschlossen. Damit bleibt für die Agora des Bildungszentrums als erste Wahl der verkehrsberuhigte Bereich. Hier gelten klare Regeln: Fußgänger dürfen die Straße in ganzer Breite benutzen, aber den Autoverkehr nicht unnötig behindern. Für Autofahrer gilt Schrittgeschwindigkeit (7 km/h), sie dürfen Fußgänger nicht gefährden oder behindern. Erfahrungsgemäß stellt sich bei entsprechender Gestaltung des Straßenraums ein verträgliches Miteinander ein. Der verkehrsberuhigte Geschäftsbereich mit Tempo 15 könnte eine zweitbeste Auffangposition sein, wenn sich der verkehrsberuhigte Bereich mit Tempo 7 nicht durchsetzen lässt.

Die Umsetzung
Als Ergebnis von Wettbewerb und Überarbeitung ist die Agora als Mischfläche konzipiert (Bild 11), über die eine durch 3 cm hohe Flachborde erkennbare Fahrbahn führt. Verkehrsrechtlich ist ein verkehrsberuhigter Bereich vorgesehen. Der Bereich ist ca. 100 m lang und durch Straßenbelag, Fahrbahneinengung, Anrampung und ein akus-tisches Signal durch Stahlnägel in den Einfahrtsbereichen an beiden Zufahrten klar definiert. Unmittelbar nördlich angrenzend liegt eine Bushaltestelle, die im 20-min-Takt bedient wird.
Der einvernehmlich von allen am Planungsverfahren Beteiligten akzeptierte und begrüßte Entwurf (Bild 11) stieß in der Abstimmung mit den zuständigen Hamburger Behörden auf Bedenken. Mit der folgenden Argumentation wurde versucht, die Bedenken auszuräumen.

  • Aufgrund der Bildungs-, Kultur- und Sozialeinrichtungen auf beiden Seiten der Straße überwiegt die Straßennutzung durch Fußgänger, Radfahrer und Aufenthalt. Das wird künftig durch Ausbau des Bildungszentrums noch zunehmen. Außerdem liegt die Straße im Zugang zum Geschäftszentrum und zur S-Bahnstation des Viertels.
  • Eine Gestaltung, die die Aufenthaltsfunktion erkennbar macht, und bei der sich Autofahrer als Gäste fühlen und niedrige Geschwindigkeiten wählen, wird im Wesentlichen durch eine Mischfläche und klar definierte Übergänge erreicht. Das ist im vorliegenden Entwurf (Bild 11) in hohem Maße gegeben.
  • 3-cm-Flachborde dienen der Erkennbarkeit der Fahrbahn innerhalb der Platz-fläche und als Leitlinie für Blinde. Niedrige Borde schließt die Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrs-Ordnung (StVO-VwV) für verkehrsberuhigte Bereiche nicht aus; dort heißt es: In der Regel wird ein niveaugleicher Ausbau über die ganze Straßenbreite erforderlich sein. Eine Platzsituation ist aber nicht der Regelfall, und hier ist Straßenbreite räumlich nicht definiert.
  • Die Verkehrsbelastung der Straße liegt mit ca. 3.500 Kfz/h unter dem für Mischflächen empfohlenen Grenzwert von 4.000 (siehe zum Beispiel Gerlach et al, 2009).
  • Die Länge des Bereichs liegt mit ca. 100 m weit unter den als zulässig erach-teten 250 bis 300 m bzw. 400 m (siehe zum Beispiel Gerlach et al, 2009).
  • Das Parken von Kraftfahrzeugen wird zu Gunsten der Übersichtlichkeit und der für die Verkehrssicherheit elementar wichtigen Sichtbeziehungen unter-bunden.
  • Der Buslinienverkehr ist mit sechs Bussen pro Stunde sehr gering. Die Fahr-zeitverlängerung bei Schritttempo gegenüber 30 km/h auf 100 m Länge mit einer Haltestelle unmittelbar anschließend ist mit etwa 20 Sekunden zu vernachlässigen. Busbegegnungen sind nicht zu erwarten. Auch das Argument der schwierigen Fahrbarkeit von 7 km/h wird durch die geringe Länge relativiert.
  • Es gibt in den Regelwerken keine einschränkenden Kriterien für verkehrsbe-ruhigte Bereiche im Umfeld von Schulen.
  • Die zentralen Ansätze jeder Verkehrssicherheitsarbeit in Stadtquartieren sind die Verringerung der Fahrgeschwindigkeiten und die Verbesserung der Sichtbeziehun-gen zwischen Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern. Das gilt für die Schulwegsicherung und im Umfeld von Schulen in besonderem Maße. Niedrige Geschwindigkeiten und soziales Miteinander sind dort elementar für die Verkehrssicherheit. Bei Tempo 30 wird ohne Überwachung erfahrungsgemäß um 40 km/h gefahren, mit Spitzen um 50 km/h und schneller, bei Tempo 7 um 15 km/h mit einzelnen Spitzen um 20 km/h. Die Unterschiede sind gravierend für das soziale Miteinander, für Anhaltewege und somit für die Verkehrssicherheit.

    Kinder sind bei Teilnahme am Straßenverkehr in besonderem Maße auf Rücksicht-nahme anderer Verkehrsteilnehmer angewiesen. Dabei sind Altersgruppen zu unterscheiden: Im Alter von ca. 6 Jahren wird realisiert, was Gefahr bedeutet. Erst ab 8 Jahren entwickelt sich ein vorrausschauendes Bewusstsein für Gefahren, vorbeugende Verhaltensweisen jedoch erst ab 9 bis 10 Jahren (siehe auch Gerlach et al, 2009). Die Straße als Teil der Agora wird von Gymnasiasten (12 Jahre und älter) täglich mehrfach gequert. Dieser Querungsbedarf plus der von Erwachsenen wird auf 1.500 bis 2.000 Querungen pro Tag geschätzt. Diese sind linienhaft verteilt und lassen sich kaum auf einen Überweg bündeln. Bei den Primarschülern dagegen besteht aufgrund ihrer Schulwege und fehlender Bezüge zum Gymnasium nahezu kein Querungsbedarf. Kinder unter 8 Jahren sollten ohnehin nur unter Aufsicht am Straßenverkehr teilnehmen.

    Die interdisziplinäre Planungswerkstatt
    Vorstehende Argumentation reichte für eine Zustimmung der Verkehrsbehörden nicht aus. Mit dem Ziel einer einvernehmlichen gestalterischen als auch verkehrsrechtlichen Lösung lud deshalb die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt Hamburg (BSU) zu einer interdisziplinären Planungswerkstatt Krieterstraße ein. In einer einvernehmlichen Lösung sollen sich die Ergebnisse des voran gegangenen Wettbewerbs, des Beteiligungsverfahrens mit der Schule als auch die Wünsche und Vorstellungen der Verkehrsbehörden wiederfinden. Neu war dabei die Beteiligung von Verkehrspsychologen (Antje Flade, Klaus-Peter Kalwitzki) zur Frage des sicheren Miteinanders auf der Mischfläche.
    Fünf Varianten zur Gestaltung und Straßenführung wurden von Verkehrsbehörden, IBA, Planern, Schulvertretern, Verkehrspsychologen sowie Schülervertretern erarbeitet und diskutiert. In einigen Punkten wurde man sich schnell einig:

  • Es soll eine weiche Separation mit 3 cm-Bordkanten umgesetzt werden.
  • Eine Pflasterrinne entlang des Bordes soll die Fahrbahn optisch einengen.
  • Die Einfahrtsbereiche in die Agora werden durch eine Fahrbahneinengung,
  • Anrampung und mit Stahlnägeln als akustisches Signal gestaltet.

    Intensiv diskutiert wurde die Führung der Fahrbahn mit ihrer Auswirkung auf das Fahrverhalten und die Sicherheit der Fußgänger. Aus den fünf Varianten, die von einer großen, zentralen, ovalen Mittelinsel von ca. 15 m Breite bis hin zur im Wettbe-werb vorgeschlagen geraden Führung der Fahrbahn reichten, kristallisierten sich zwei Favoriten heraus: eine verschwenkte Fahrbahnführung (Vorzugsvariante 1), initiiert durch eines der „Schiffe“ auf dem Platz (Bild 14), sowie eine schlanke, lang-gestreckte Mittelinsel (Vorzugsvariante 2) als Querungshilfe (Bild 15).

    Die Mittelinsel (Bild 15), unterstützt von den Verkehrsbehörden, soll den Schülern das Erreichen der Schulgebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite in zwei Etappen erleichtern. Viele Beispiele aus der Praxis zeigen, dass mit solchen „Sprunginseln“ gute Ergebnisse erzielt werden. Jedoch schien die Lösung an dieser besonderen Stelle nicht passend. Der Verkehrsraum würde verbreitert und die nutzbare Freifläche reduziert. Aus Sicht der Verkehrspsychologen und der Schülervertreter würden insbesondere die kleineren Kinder durch eine Mittelinsel eher verunsichert.

    Eine Verschwenkung der Fahrbahn (Bild 14) hingegen würde den Autofahrer in eine ihm unbekannte Situation versetzen, sie würde seine Aufmerksamkeit steigern und dadurch die Geschwindigkeit reduzieren. Der bekannte Tunnelblick, der bei einer geraden Straßenführungen davon ablenkt, das Geschehen rechts und links von sich wahrzunehmen, würde gebrochen, der Blick für das Umfeld geschärft.

    Breiten Konsens erzielte letztendlich die Lösung mit einer verschwenkten Fahrbahn (Bild 14). Auch die Verkehrsbehörden tragen diese Lösung mit, trotz ihrer Argumente für die Mittelinsel. Im gemeinsamen Konsens wurde ebenfalls festhalten, dass sich Autofahrer auf der Agora zwar als Gast willkommen, aber nicht als Hausherr fühlen sollten. Dies ist nur durch eine durchgehend einheitliche Platzgestaltung zu erreichen. Eine zunächst von einigen Werkstattteilnehmern favorisierte Asphaltfahrbahn kommt somit nicht in Frage. Die Platzfläche wird sich im Ergebnis gestalterisch so darstellen, wie es sich die Schüler gewünscht haben: ein durchgängiger Platz mit beruhigtem Autoverkehr. Optisch wurde damit das innovative Ziel einer gemeinschaftlich genutzten Verkehrsfläche erreicht, vermutlich wird sich auch das gewünschte Miteinander und Rücksichtnahme zwischen Autofahrern und Schülern einstellen.
    Leider haben die Genehmigungsbehörden bisher keine Möglichkeit gefunden, ver-kehrsrechtlich eine Mischfläche festzulegen, die dem Fußgänger den Vorrang ein-räumt. Auch die Festlegung einer Mindestgeschwindigkeit unterhalb der in Hamburg vor Schulen üblichen 30 km/h, konnte trotz aller Bemühungen seitens der Schulen und der IBA bisher noch nicht einvernehmlich getroffen werden.

    Das Fazit
    Der Schnittbereich zwischen Bildungszentrum und Straße soll als Platz oder Agora gestaltet werden. Ein umfassender Planungsprozess unter Beteiligung von Schülern, Eltern, Lehrern und Vertretern von Bildungszentrum, Schulbehörde, Bezirk Hamburg-Mitte, IBA Hamburg und externen Fachleuten führte zu einem von allen Beteiligten akzeptierten und begrüßten Gestaltungsvorschlag. Zentrales Element des Beteiligungsverfahrens war der Ideenwettbewerb Gestaltet eure Mitte für Schüler und Eltern.
    Ein außergewöhnliches, vorbildliches Beteiligungsverfahren hat die zentralen Impulse geliefert für eine innovative Verkehrsplanung. Die Agora ist als Mischfläche konzipiert, über die eine durch Flachborde erkennbare Fahrbahn führt. Die zentralen Ansätze jeder Verkehrssicherheitsarbeit in Stadtquartieren sind die Verringerung der Fahrgeschwindigkeiten und die Verbesserung der Sichtbeziehun-gen. Dies gilt für die Schulwegsicherung und im Umfeld von Schulen in besonderem Maße und wird durch den Agora-Entwurf in hohem Maße erreicht.

    Trotzdem gestaltet sich die Umsetzung schwierig, weil die zuständigen Verkehrs-behörden die in Hamburg im Umfeld von Schulen übliche Tempo 30-Regelung be-vorzugen. Die Situation der Agora im Bildungszentrum Tor zur Welt ist jedoch mit anderen Schulsituationen nicht vergleichbar. Hier kommt maximal Tempo 20 (besser Tempo 15) in Frage. Das Bildungszentrum Tor zur Welt ist ein IBA-Projekt und unterliegt damit besonderen Ansprüchen und Qualitätskriterien, einschließlich der Weiterentwicklung des städtebaulich-verkehrsplanerischen Repertoires. Eine wissenschaftliche Begleituntersuchung, wie sie für Gemeinschaftsstraßen empfohlen wird (Gerlach et al, 2009), sollte auch für das Agora-Projekt durchgeführt werden.

    Quellen
    Gerlach, Jürgen et al (2009): Voraussetzungen für die Umsetzung von Gemein-schaftsstraßen in Weiterentwicklung des Shared Space-Prinzips unter Beachtung der großstädtischen Rahmenbedingungen der Freien und Hansestadt Hamburg. IGS, Neuss
    Internationale Bauausstellung (IBA) Hamburg (2009): Bildungszentrum Tor zur Welt: Gestaltet eure Mitte. Ideenwettbewerb zur Gestaltung einer öffentlichen Platzfläche mit innovativem Beteiligungsverfahren.