Bild_kopf
Es ist schwer, liebgewonnene Gewohnheiten zu überwinden

Es ist schwer, liebgewonnene Gewohnheiten zu überwinden

Auf der Veranstaltung „Move: Chancen für Dielheim“ wurden alternative Formen der Mobilität vorgestellt – Engagierte Diskussion …

Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung vom 14. Mai 2008

Dielheim. (aot) Welcher Dielheimer Autofahrer kennt nicht das Nadelöhr in Altwiesloch, das ihm mit seinen täglichen Staus das Leben schwer macht? Mit der Baustelle in der Baiertaler Straße hat sich die Situation noch verschärft und auch die Alternativstrecken nach Heidelberg über Gauangelloch oder nach Walldorf über Rauenberg sind in den Hauptverkehrszeiten überlastet oder durch weitere Baustellen behindert. Mit viel Skepsis waren die meisten Zuhörer zur Veranstaltung „Move: Chancen für Dielheim“ in das Theater im Bahnhof in Dielheim gekommen, um die Vorschläge von Wolfgang Widder anzuhören, der das vom Land Baden-Württemberg und der Stadt Wiesloch finanzierte Projekt „Move“ leitet.

Das Anliegen von Widder ist es, die Hände nicht in den Schoß zu legen und jahrelang auf die Realisierung einer Umgehungsstraße zu warten, sondern mit vielen guten Ideen Verkehrsaufkommen, Lärm und Abgase so zu vermindern, dass sowohl den Altwieslocher Anwohnern wie auch den Verkehrsteilnehmern geholfen wird und der Autofahrer sein Fahrziel schnell, bequem und möglichst kostengünstig erreicht. So ist das Motto „Move“ nicht nur das englische Wort für Bewegung, sondern auch ein Kürzel für „Mobilität und Verkehr sparen“. Das Projekt enthält drei große Maßnahmen, die sich auch an die Dielheimer Bevölkerung richten. Mit „4 statt 5“ verpflichtet sich der Teilnehmer freiwillig, einmal pro Woche auf das Auto zu verzichten. Alternativen wie Fahrrad, Öffentlicher Nahverkehr oder Fahrgemeinschaft sind frei wählbar. Langfristiges Ziel ist es, sein eigenes Fahrverhalten auf
umweltschonende und gleichzeitig preiswertere Alternativen zu überprüfen. Vierteljährlich werden attraktive Preise unter den Teilnehmern verlost.

Weiterhin wurde im Internet eine „Regionale Mitfahrzentrale“ eingerichtet, in der Mitfahrgelegenheiten angeboten und gesucht werden. Diese können regelmäßig oder einmalig sein, die Strecken in der Nähe oder beliebig weit weg liegen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Das wichtigste und in der Ausgestaltung einmalige Angebot ist die „Zusteiger-Mitnahme“. Während beim Trampen beide Seiten anonym bleiben, sollen bei diesem System alle Teilnehmenden bekannt sein. Dazu erhalten die mitnahmebereiten Autofahrer einen gut sichtbaren Aufkleber, der Zusteiger zeigt ein Schild, auf dem sein Fahrziel erkennbar ist. Beide können sich mit speziellen Bescheinigungen ausweisen.

Zusteigemöglichkeit besteht an allen Haltestellen des ÖPNV. Über diese drei Maßnahmen hinaus, die allen Bewohnern der Region offen stehen, gibt es einige kleinere Initiativen. Dazu gehören: Mit dem Pkw bis Altwiesloch fahren und dort auf das Fahrrad umsteigen; mit dem Taxi-Abo zur S-Bahn-Station, privater VW-Bus ins Wieslocher Schulzentrum; ein Mitnahmenetz für Beschäftigte von SAP und Heidelberger Druck und Fahrradgaragen in Altwiesloch, Wiesloch-Walldorf und dem Park-und-Ride-Gelände an der Autobahnauffahrt in Rauenberg.

Wieder einmal gelang es Widder, die meist kritischen Zuhörer von seinen gut durchdachten Vorschlägen zu überzeugen. Allerdings weiß Widder selbst sehr gut, wie schwierig es ist, liebgewonnene Gewohnheiten zu überwinden. Hier aber liegt das Hauptproblem. Mitfahrzentrale und Zusteiger-Mitnahmesystem funktionieren nur, wenn sich in der Region genügend Teilnehmer finden und davon ist man noch ein großes Stück entfernt.

Dielheims Bürgermeister Hans-Dieter Weis wies in seiner Begrüßung darauf hin, dass 80 Prozent der Fahrzeuge, die regelmäßig von Dielheim nach Wiesloch fahren, nur von einer Person besetzt sind, und oft nur ein kleiner organisatorischer Aufwand notwendig sei, um zur Verkehrsentlastung beizutragen.

Auf der Veranstaltung wurde außerdem über Verbesserungen im Öffentlichen Nahverkehr diskutiert. Dass in diesem Bereich noch manches möglich ist, zeigt die von Dielheim initiierte Taktverdichtung der Buslinie 702 in den Hauptverkehrszeiten. Schwachpunkte sah man noch in den ungünstigen Fahrplänen der Schulbusse, der schlechten Anbindung am Bahnhof Wiesloch-Walldorf, der gefährlichen Haltestelle Dielheim-Unterhof (Richtung Horrenberg) und der mangelnden Information über Fahrtarife und Verbindungen. Angesprochen wurde auch die Anbindung von Horrenberg und Balzfeld an die künftige S-Bahnstation in Meckesheim. Zu aller Erstaunen war von einem Zuhörer zu erfahren, dass es eine genehmigte Busverbindung von Meckesheim nach Wiesloch gäbe. Die betroffenen Gemeinden könnten jederzeit ein Unternehmen mit dem Fahrbetrieb beauftragen, was allerdings mit finanziellen Risiken verbunden sei.

Die rund 25 Besucher führten mit Wolfgang Widder und Bürgermeister Hans-Dieter Weis eine engagierte Diskussion, die insofern Früchte trug, als sich einige spontan für das Zusteige-Mitnahme-System eintrugen oder zur weiteren Mitarbeit in den Move-Gruppen bereit fanden. Für die Auflockerung des Abends sorgten die beiden Kabarettisten Heinz Laier undMichael Stier vom Theater im Bahnhof.

080514_rnz_es-ist-schwer-liebgewonnene-gewohnheiten-zu-uberwinden