Bild_kopf
Eine Familie ohne eigenes Auto – move fragte nach bei Kerstin Mangels, die mit Familie ohne eigenes Auto lebt

Archiv:

Eine Familie ohne eigenes Auto – move fragte nach bei Kerstin Mangels, die mit Familie ohne eigenes Auto lebt

5. Mai 2010

Ohne eigenes Auto lebt seit 14 Jahren Familie Mangels in Wiesloch. Lesen Sie das komplette Porträt

Frau Mangels, Sie leben seit 14 Jahren mit Ihrem Mann und Ihren zwei Söhnen, inzwischen Teenagern, in Wiesloch. Lassen Sie mich zuerst fragen: Warum leben Sie ohne eigenes Auto?

Das hat verschiedene Gründe: vor 20 Jahren war es zunächst der Grund, dass ein Auto teuer und umweltbelastend ist. Heute ist es zudem der Erholungswert, die Selbstständigkeit aller Familienmitglieder, unsere Fitness und auch die Gewöhnung: Wir können uns das kaum noch anders vorstellen.

Was werden Sie am häufigsten gefragt?
Die ersten Fragen sind meist: „wie macht Ihr Eure Einkäufe?“ und „wie kommen die Kinder zum Hobby“?“ Unsere Antworten sind: die Getränke z.B. holen wir mit dem Fahrradanhänger vom örtlichen Getränkehändler oder wir nutzen seinen Bringservice. Den täglichen Einkauf machen wir zu Fuß in der Stadt und sind sehr froh, dass es seit einem Jahr einen Biosupermarkt in der Ringstrasse gibt. – Ja und für die Hobbys ist das Angebot vor Ort groß genug. So nutzen wir z.B. das Sportangebot der TSG, das Freibad, den Tennisclub, den Tanzclub, das Jugendrotkreuz und den Wald. Was fehlt, haben wir selber gegründet: die Improtheater-Gruppe. Alles ist gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen.

Wie kommen Sie zur täglichen Arbeit bzw. zur Schule?
Den weitesten Weg hat mein Mann nach Rot. Die 10 km fährt er meist mit dem Fahrrad durch die Frauenweiler Wiesen. Er genießt das wirklich als sportlichen und entspannenden Ausgleich zu seinem Bürojob. Bei starkem Regen oder Schnee nutzt er sein Jobticket. Unsere Söhne fahren mit den Fahrrädern zur Schule, die alle am Ort sind. Bei Schnee laufen sie zu Fuß und, als unser Sohn den Arm gebrochen hatte, ist er mit dem Bus gefahren. Ich arbeite selbstständig in meinem Grafikbüro von zu Hause aus. Geschäftsreisen mache ich mit dem öffentlichen Verkehr.

Nochmal eine Frage nach dem Warum: spätestens wenn Kinder in die Familie kommen, schaffen sich die meisten Familien ein Auto an. Warum haben Sie das nicht getan?
Ganz einfach: Ich wollte nicht Taxi-Fahrerin für meine Kinder werden. Wir haben bewusst mit Wiesloch einen Wohnort gewählt, in dem es ein großes Angebot an Schulen und Freizeitangeboten und gute Anbindung an den Öffentlichen Verkehrmittel gibt. Hier brauchen wir einfach kein eigenes Auto. – Vor 14 Jahren, als wir nach Wiesloch kamen, kam glücklicherweise auch das erste TeilAuto hierher, dessen Nutzer wir seitdem sind. Wir haben also einen ganzen Fuhrpark zur Verfügung – brauchen ihn nur fast nie …

Urlaub zu viert ohne Auto, wie geht das?
Das ist Urlaub von Anfang an. Mit Bahn, Bus, Fahrrad und manchmal Schiff haben wir Zeit füreinander, erleben viel und kommen in Kontakt mit Land und Leuten. Für uns ist der Weg ein Teil des Zieles. Wir haben in den vergangenen Jahren schöne Reisen gemacht, wie nach England, Schottland, Irland, Niederlande, Schweiz, Ungarn, Österreich, Frankreich, Tschechien. Unsere Teenager sind das Bahnsystem so gewöhnt, dass sie inzwischen auch alleine Langstrecken fahren.

Haben Sie einen Tipp für Menschen, die das ausprobieren wollen?
Mit der Bahn in Urlaub zu fahren ist günstiger als die meisten denken. Gute Infos gibt’s unter: www.vertraeglich-reisen.de

Wochenendausflüge, wie machen Sie die?
Wir sind viel unterwegs. Mit dem Jobticket meines Mannes fahren 4 Personen am Wochenende sogar kostenlos in der Region mit. Bahncards haben wir natürlich auch. Und wo man nicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln hinkommt, suchen wir eine Fahrgemeinschaft, nehmen das TeilAuto oder auch öfter mal ein Taxi für eine Teilstrecke. Das alles ist immer noch günstiger als ein eigenes Auto.

Leben ohne Auto: kann das jeder?
In Großstädten wie Berlin sind bis zur Hälfte aller Haushalte ohne Autos – da ist es gar nichts besonderes. Ich würde das mal so sagen: was man in Berlin kann, kann man in Wiesloch auch. So bewegen wir uns je nach Bedarf fort: Füße, Fahrrad, Bahn und Bus mit Bahncard oder Jobticket, Taxi, TeilAuto oder auch mal mit einem Schiff.

Vielen Dank!

Kerstin Mangels

Kerstin Mangels