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Das Ende des goldenen Ölzeitalters

Das Ende des goldenen Ölzeitalters

In New York werden die Fahrräder knapp: Das Ende des goldenen Ölzeitalters beschreibt die Süddeutsche Zeitung.

Amerika muss umdenken – die Utopie von größtmöglicher Mobilität und Bequemlichkeit wird wegen der Explosion des Ölpreises zu teuer.

Süddeutsche Zeitung vom 13.06.2008

Von Jörg Häntzschel

Bisher wurden Jeeps in Amerika so beworben wie überall: Mit sexy Menschen, die durch Präriegras und futuristische Stadtlandschaften donnern. Doch seit ein paar Wochen hat der Traum eine neue Dimension. Wer bis 7. Juli einen Jeep, Dodge oder Chrysler kauft, zahlt für die nächsten drei Jahre nie mehr als 2,99 Dollar für jede Gallone Benzin, gut einen Dollar weniger als den derzeit üblichen Preis. Den Rest übernimmt der Autohersteller.

„Let’s refuel America“, „Tanken wir Amerika auf!“, nennt Chrysler die Kampagne, die die Realität des immer knapper und deshalb immer teurer werdenden Öls mit Harakiri-Ökonomie offiziell vergessen machen will.

Party like it’s 2.99, das ist gemeinsam mit dem von McCain und Clinton vorgeschlagenen befristeten Steuerpause für Benzin, einer der verrückteren Versuche, die Uhr zurückzudrehen – und symptomatisch für die Schwierigkeiten, die das Land damit hat, sich auf das Ende des goldenen Ölzeitalters einzustellen.

Strukturelle Veränderungen stehen an

Doch während von oben wenig mehr kommt als Schönfärberei und Verleugnung, sind viele Amerikaner längst weiter. Im Jahr 2007 fuhren sie zum ersten Mal seit 1979 weniger Auto als im Vorjahr. Mit ein paar Fahrgemeinschaften wird es aber nicht getan sein. Das Land, dessen ganze Lebensweise vom billigen Benzin abhängt, sieht schmerzhaften strukturellen Veränderungen ins Auge.

Teuer und billig sind immer relativ. Mit zur Zeit umgerechnet rund 70 Cent pro Liter kostet Benzin in den USA dank niedriger Steuern immer noch erstaunlich wenig. Doch bedenkt man, dass der Preis sich innerhalb eines Jahres fast verdoppelte, kann man die Bestürzung verstehen.
In Europa hingegen wurde der explodierende Preis durch den gleichzeitig sinkenden Dollarkurs gedämpft. Die Amerikaner trifft die Preisexplosion aber auch deshalb so viel härter, weil das Auto und das Flugzeug in ihrem Leben eine viel bedeutendere Rolle spielen.

Tausenderlei kleine Erfindungen zur Überwindung der Distanzen

Bald nach dem zweiten Weltkrieg, als in Europa gerade die letzten Pferde von den Äckern verschwanden, hatte Amerika in seinem Land bereits eine Realität gewordene Utopie von größtmöglicher Mobilität und Bequemlichkeit mit der gleichzeitigen Garantie uneingeschränkten Individualismus installiert.

Das effiziente Interstate-Autobahnnetz gehörte dazu, die modernen Flughäfen aber auch tausenderlei andere kleine Erfindungen zur komfortablen Überwindung der Distanzen. Der Pizzaservice und die Drive-Thru-Bank, FedEx und das Motel, aber auch das Leben in der grünen Vorstadt, dem Suburb, das die Nachkriegsjahrzehnte kulturell dominierte.

Einchecken, Abheben; Ankommen, Leihwagen; Parken, Essen – und 24 Stunden später wieder mit Gattin und Kindern am Pool, so sah das aus, streamlined, coast-to-coast.

Flugverkehr am akutesten betroffen

Eine hypereffiziente Metastruktur der Verkehrssysteme überformte das wilde und entsetzlich große Land und ließ es in der Erfahrung seiner Bewohner auf ein nahezu menschliches Maß schrumpfen. So musste niemand mehr das Trauma der ersten Siedler fürchten, die ihre Planwagen durch den Schlamm der Great Plains zerren mussten.

Doch nun fließen die Ströme dieses Infrastruktur-Organismus immer zäher. Am akutesten ist davon der Flugverkehr betroffen. Gerade war die Branche aus der Krise nach 9/11 wieder aufgetaucht, in deren Zuge sie bis zum letzten Erdnusstütchen eingespart hatte, was einzusparen war, da sieht sie plötzlich ihr ganzes Geschäftsmodell dahingehen.

Vor acht Jahren machten die Kosten für Kerosin 15 Prozent des durchschnittlichen Ticketpreises aus, heute sind es 40. Wie überall lassen die Airlines ihre Flugzeuge langsamer fliegen, legen hunderte alter Jets still und versuchen, mit allerlei Tricks die Preise zu heben.

Doch damit wird es nicht getan sein. Ein gutes Dutzend kleinerer amerikanischer Fluggesellschaften hat in den letzten Wochen bereits Pleite gemacht. Und die, die weiterfliegen, tun alles, um die letzte unrentable Route zu streichen. Obwohl die Flüge heute nahezu alle voll sind, soll die Kapazität im Herbst um bis zu 15 Prozent sinken.

Plötzlich erinnert man sich wieder an die Ölkrise von 1973, die man, kaum hatte man sie hinter sich, damals so schnell wie möglich vergessen wollte.

Prassen und Protzen

In mancher Hinsicht war die Lage damals schlimmer: Der Benzinpreis schoss abrupt und ohne Vorwarnung in die Höhe, der Sprit wurde rationiert, Tankstellen geschlossen. Drakonische Maßnahmen wie das längst wieder gelockerte generelle Tempolimit von 55 Meilen pro Stunde wurden eingeführt.
Doch während damals Aussicht auf Besserung bestand, die sich ja auch allmählich einstellte, macht sich heute niemand in Amerika mehr Illusionen darüber, dass das billige Öl je zurückkommen wird.
Anders als Europa, das auch in den besten Zeiten seine Kultur der Mäßigung nicht aufgibt, muss Amerika nun dem in den letzten zwei Jahrzehnten grassierenden Prassen und Protzen abschwören.

SUVs als Ladenhüter

Der Wandel vollzieht sich ruckartig. Wie 1973, als die Amerikaner ihre ausladenden Straßenkreuzer kaum schnell genug loswerden konnten, sind es heute die grotesk unökonomischen SUVs, die beim Gebrauchtwagenhändler landen, wo sie dann als Ladenhüter stehen.

Und nachdem die drei großen amerikanischen Autokonzerne sich mit dem Hinweis auf Wettbewerbsfähigkeit und Käuferwünsche bis zuletzt mit Erfolg gegen bessere Verbrauchsstandards sperrten, wissen sie nun nicht wohin mit ihren unverkäuflichen Wagen.
General Motors sucht nach einem Käufer für die „Hummer“-Marke. Ford beginnt, die ersten Werke von SUVs und Pickups auf Klein- und Hybridwagen umzustellen, ein Marktsegment, das man bisher Toyota und Honda überlassen hatte.

Nahverkehr erlebt Boom

In New York werden die Fahrräder knapp; der öffentliche Nahverkehr erlebt im ganzen Land einen nie gesehenen Boom; und kein Tag vergeht im Fernsehen ohne Berichte von neu gebildeten Fahrgemeinschaften, Tipps zum Benzinsparen und Erzählungen von den Freuden des Zufußgehens.
Doch Europa hat nicht nur funktionierende öffentliche Verkehrsmittel, es kann auch bei Bedarf auf seine alten Stadtstrukturen zurückgreifen. Amerika hat sich dem Öl geradezu ausgeliefert. Am stärksten im Südwesten des Landes, dort, wo in den letzten 20 Jahren die Bevölkerung am stärksten wuchs.
Man lebt hier nicht einmal mehr in Suburbs, sondern in Exurbs genannten Siedlungsarchipelen im Nirgendwo, deren Bewohner nicht mehr in die Städte selbst, sondern in die Gewerbegebiete der Vorstädte pendeln. Hier fallen die Häuserpreise jetzt am schnellsten.

Eine ländliche Kümmerexistenz droht

Nicht hier, sondern in den ärmsten, dünn besiedelten Gegenden Amerikas wie dem Mississippi-Delta, wird der Benzinpreis, der dort höher ist als irgendwo sonst im Land, nun zur sozialen Falle. Jobs sind hier so rar, dass lange Anfahrten unvermeidlich sind. Diese wiederum fressen einen so großen Teil des Einkommens, dass kaum Geld zum Leben und Essen bleibt.

Eines Tages wird die Fahrt zur Arbeit sich nicht mehr lohnen. Eine ländliche Kümmerexistenz erwartet die sozial und räumlich Abgehängten. Amerikas heutige Landkarte wurde vom billigen Öl gezeichnet. Nun wird neu entworfen.

(SZ vom 13.06.2008)